Stoffwechselprodukte und DNA-Reparatur im Zentrum neuer Therapieansätze

Pressemitteilung 2018/113 vom 04.10.2018

Mehr als den Blutzucker im Blick:

Heidelberger Diabetes-Forscher erhielt renommierten Camillo Golgi Preis

Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Nawroth ist diesjähriger Preisträger des Camillo Golgi Preises der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD).

Foto: Markus Winter, FAKTENHAUS


Preisträger Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Nawroth bei der "Golgi Lecture" anlässlich der Verleihung des Camillo Golgi Preises der EASD.

Foto: EASD


Stoffwechselprodukte und DNA-Reparatur im Zentrum neuer Therapieansätze / Lassen sich Diabetes-Folgeschäden rückgängig machen? / Preisverleihung der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD)

 

Für seine wegweisenden Arbeiten zur Erforschung und Therapie der Folgeschäden von Diabetes wurde Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Nawroth, Ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie, Stoffwechsel und Klinische Chemie des Universitätsklinikums Heidelberg am 2. Oktober 2018 mit dem renommierten Camillo Golgi Preis der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD) geehrt. Peter Nawroth ist mit seinem Team einem Phänomen auf der Spur, das die Medizin schon länger beschäftigt: Auch bei Diabetikern mit gut eingestelltem Blutzucker treten Begleit- und Folgeerkrankungen an Nerven, Nieren, Augen und Herz-Kreislaufsystem auf. Doch wie kommt es dazu? Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg sehen aggressive Abbauprodukte des Stoffwechsels und Defekte im Reparatursystem der DNA als mögliche Ursachen. "Beides wurde bisher zu wenig beachtet und völlig unterschätzt", sagt Prof. Peter Nawroth.

Folgeschäden trotz eingestelltem Blutzucker

In Deutschland leidet jeder Zehnte im Alter von 20 bis 79 Jahren an der sogenannten "Zuckerkrankheit" Diabetes mellitus, weltweit sind es sogar rund 422 Millionen Menschen. Die Therapie konzentriert sich auf die Normalisierung des chronisch erhöhten Blutzuckers, der anhand von Glucose und HbA1c-Wert im Blut der Patienten bestimmt wird. Die Behandlung minimiert zwar das Risiko für diabetisches Koma, nach wie vor treten aber bei einem Großteil der Patienten langfristig Schäden an Nerven, Nieren, Augen und Herz-Kreislaufsystem auf; teils im Laufe der Erkrankung, teils schon vor der Diagnose. So ist Diabetes einer der wichtigsten Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall sowie die häufigste Ursache für Erblindung, Nervenschäden und tödliches Nierenversagen. "Viele glauben, mit der Einstellung von Blutzucker, Blutdruck und Fettwerten auch die Folgen von Diabetes zu vermeiden. Die Grenzen gängiger Behandlungsformen und die Möglichkeiten innovativer Therapieansätze bleiben dabei oft unbeachtet", sagt Prof. Peter Nawroth.

 Blutzucker-unabhängige Ursachen erfordern neue Therapieansätze 

 Der Blutzuckerspiegel wird durch das Hormon Insulin gesteuert, das die Aufnahme von Kohlenhydraten ("Zucker") in Körperzellen regelt. Die Zellen bauen diese Nährstoffe in ihrem Stoffwechsel ab und nutzen sie so als Energiequelle. Im Zuge des Stoffwechsels entstehen allerdings auch sehr reaktive Abbauprodukte, sogenannte Diacarbonyle und Advanced Glycation End-Products (AGE). "Diese werden bei Diabetikern weniger gut entgiftet als bei Gesunden und führen zu Schäden, auch wenn der Blutzuckerspiegel durch die Behandlung normalisiert ist", sagt Prof. Peter Nawroth, der auch Sprecher eines erneut von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 11,2 Millionen Euro geförderten Sonderforschungsbereiches über "Reaktive Metabolite als Ursache diabetischer Folgeschäden" ist.

 Neben dem Einfluss schädlicher Stoffwechselprodukte erforschen Nawroths Mitarbeiter auch den Beitrag von Reparatursystemen der DNA, insbesondere der sogenannten Doppelstrangbruch-Reparatur (double stand breaks repair). Ist diese nicht voll funktionsfähig, können die Zellen Schäden an ihrer DNA weniger gut korrigieren. Die Forscher interessiert hier besonders, in welchen Organen von Diabetikern solche Defekte auftreten, welche Schäden darauf zurückzuführen sind, und welche zielgerichteten Behandlungen möglich sind. Im Tiermodell konnten sie die Folgeschäden der Erkrankung bereits durch Korrektur des DNA-Reparatursystems rückgängig machen. Die Methode ist inzwischen patentiert, der Einsatz im Menschen wird allerdings noch einige Jahre dauern. "Wir hoffen, dass wir möglichst bald die Folgen von Diabetes zurückdrehen können", sagt Prof. Peter Nawroth.

Link zum Vortraghttps://www.easd.org/virtualmeeting/home.html


#!resources/diabetic-complications-an-alternative-view-on-diabetes

 

 

 

Die European Association for the Study of Diabetes (EASD) hat zum Ziel, die Diabetesforschung zu fördern und die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der medizinischen Praxis voranzutreiben. Der mit 20.000 Euro dotierte Preis trägt den Namen des italienischen Mediziners und Physiologen Camillo Golgi (1843-1926), der 1906 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie erhielt. Der Preis wird jährlich von der EASD verliehen, einer medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaft mit etwa 5.000 Mitgliedern aus 110 Ländern.

 Bereits in den Jahren 2011 und 2015 ging er an Wissenschaftler in Heidelberg und Mannheim: 2011 an Prof. Dr. Angelika Bierhaus aus Heidelberg, 2015 an Prof. Dr. Hans Peter Hammes aus Mannheim. Der Festvortrag von Prof. Peter Nawroth trug den Titel "Diabetic complications: A new view on diabetes" ("Komplikationen bei Diabetes - Neuer Blick auf die Erkrankung"). Dabei sprach der auch in der Öffentlichkeit und als Autor sehr aktive Preisträger über Erfolge und Grenzen der bisherigen Diabetesbehandlung sowie über Ursachen und innovative Therapieansätze mit dem Ziel, Folgeschäden zu vermeiden und bestehende Schäden zurückzudrehen. "Wir müssen umdenken - es gibt ein Zurück!", sagt Prof. Peter Nawroth.

 

Weitere Informationen im Internet

 

Zur Klinik für Endokrinologie, Stoffwechsel und Klinische Chemie des Universitätsklinikums Heidelberg:

http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Willkommen.879.0.htmlwww.klinikum.uni-heidelberg.de/Willkommen.879.0.html

 

https://www.sfb1118.de

 

Zum SFB 1118 "Reaktive Metabolite als Ursache diabetischer Folgeschäden":

http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Willkommen.132204.0.html

 

Zur Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD):

https://www.easd.org/www.easd.org

 

Kontakt:

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Peter P. Nawroth

Ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie, Stoffwechsel und Klinische Chemie

(Innere Medizin I)

Zentrum für Innere Medizin.   Universitätsklinikum Heidelberg

Im Neuenheimer Feld 410.   69120 Heidelberg

E-Mail: Peter.Nawroth@med.uni-heidelberg.de

 

 

Quellen:

 

Foto: Professor Nawroth: Markus Winter, FAKTENHAUS

Preisträger Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Nawroth bei der "Golgi Lecture" anlässlich der Verleihung des Camillo Golgi Preises der EASD.


Foto: EASD

 

Quelle: Pressemitteilung Universitätsklinikum Heidelberg:

https://bit.ly/2NpscJh

 

 

 


 

Mannheimer Diabetes-Forscher mit renommiertem internationalen Medizinpreis ausgezeichnet

23. September 2015


Für seine wissenschaftlichen Arbeiten zur diabetischen Retinopathie, einer durch die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus hervorgerufenen Erkrankung der Netzhaut (Retina) des Auges, ist Professor Dr. Hans- Peter Hammes von der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (European Association for the Study of Diabetes, EASD) mit dem Camillo Golgi Preis ausgezeichnet worden. Den mit 20.000 Euro dotierten Preis nahm der Mannheimer Arzt und Wissenschaftler am Dienstag, den 15. September 2015 bei der 51. Jahrestagung der EASD in Stockholm entgegen.

 Der Verlust der Sehfähigkeit ist eine der Komplikationen des Diabetes mellitus, die die Patienten am meisten fürchten. Die diabetische Netzhauterkrankung wird durch eine zunehmende Schädigung kleinster Blutgefäße hervorgerufen, die die Netzhaut durchziehen und deren Aufgabe es ist, die Zellen mit Nährstoffen zu versorgen.

Seinen Vortrag zu Ehren des Namensgebers des Preises, die 30. Camillo Golgi Lecture, stellte Professor Hammes, Leiter der Sektion Endokrinologie an der V. Medizinischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim, unter den Titel „The Eye in Diabetes – a personal account“. Darin zeichnete er die Fortschritte der experimentellen Arbeiten zweier Jahrzehnte nach, die das heutige Wissen über die Pathophysiologie der diabetischen Retinopathie mit bestimmt haben.

Er berichtet darin von zwei Studien, die vor allem hohe Blutzuckerwerte und Bluthochdruck als Hauptri- sikofaktoren für Netzhautschäden identifizierten und damit einen wichtigen Beitrag leisteten, die Häufigkeit der diabetischen Netzhauterkrankung zu senken (Diabetes Control and Complications Trial, DCCT, 1990 und United Kingdom Prospective Diabetes Study, UKPDS, 1998).

Die Einführung des Screenings, das es ermöglicht, den unbemerkten Ausbruch einer Retinopathie früh zu erkennen und rechtzeitigen mittels der retinalen Laserkoagulation behandeln zu können, führt er auf die Entwicklung der Ophthalmoskopie durch Her mann von Helmholtz zurück, durch die der Augenhin- tergrund und insbesondere die Retina und die versor- genden Blutgefäße betrachtet werden können. Als weiteren wichtigen Schritt benennt er die medikamentöse ophthalmologische Behandlung „intravitreal“, in den Glaskörper hinein.

Aber auch die eigenen Arbeiten von Professor Hammes mit Patienten, diabetischen Tiermodellen und in vitro Systemen haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die dem Krankheitsverlauf zugrunde liegen- den zellulären Mechanismen aufzuklären. Etwa indem er zeigen konnte, dass die Veränderungen an den Zellen der Blutgefäße, die zum Verlust der Kapillare – zur Vasoregression – führen, durch verschiedene biochemische Signalmoleküle ausgelöst werden, von denen einige auf hohe Zuckerkonzentrationen reagieren. Professor Hammes und seine Mitarbeiter konnten außerdem nachweisen, dass eine Überproduktion von Sauerstoffradikalen in den Mitochondrien der die Gefäße auskleidenden Endothelzellen der Netzhaut eine wichtige Rolle spielt.

Ein wichtiger Schritt war auch die Entdeckung, dass nicht nur vaskuläre Zellen, also Zellen der Gefäße, sondern auch Gliazellen, die das Stützgewebe des Nervensystems bilden, in der Retina aktiviert und geschädigt werden. Im Modellsystem konnten die Mannheimer Diabetes-Forscher als erste die wichtige Rolle der so genannten neurovaskulären Einheit nachweisen. Ein Set von Genen der angeborenen Immu- nität und des Complement-Systems ist an der Schädigung der Gefäße beteiligt. Aktuell wird dies in einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Arbeit untersucht. Deren Ziel ist es, An- griffspunkte zu identifizieren, über die Neurodegeneration und Vasoregression begrenzt werden können.

Klinische Studien weisen darauf hin, dass die neurovaskuläre Einheit in verschiedenen Patientenpopula- tionen auf hohen Blutzucker reagiert. Um das genaue Ausmaß und dessen Einfluss auf die Sehfähigkeit zu verstehen, sind weitere Untersuchungen notwendig. Ziel ist es hier, neue so genannte Endpunkt-Kandidaten für Erkrankungen der Retina zu identifizieren. Diese Forschung wird auch durch ein Programm der Europäischen Union gefördert.

Neben seiner eigenen Forschung engagiert sich Professor Hammes in der Nachwuchsförderung speziell des diabetischen Forschungsschwerpunkts. Dazu etablierte er Anfang 2013 ein internationales Graduier- tenkolleg, das auf diabetische mikrovaskuläre Komplikationen fokussiert (Diabetic Microvascular Complications, DIAMICOM) und von der DFG unterstützt wird.

 

Wissenschaftskommunikation Dr. Eva Maria Wellnitz

Telefon: +49 621 383-1159 (-3184)

Telefax: +49 621 383-2195

eva.wellnitz@medma.uni-heidelberg.de

 

23. September 2015

logo